Der Foto-Club Appenzellerland serviert heute einen Leckerbissen namens „Experimentelles Fotografieren“. Verlockend tönt der Leckerbissen, leicht zu schlucken ist er nicht – aber am Ende ists ein grossartiger. Fangen wir von vorne an.

Die Dadaisten stellen ein Pissoirbecken ins Museum und deklarieren das als Kunst. „Ist das Kunst?!“ -schreit die Welt. Egal, es erzwingt ein neues Sehen auf das, was Kunst ist. Und das ist die Herausforderung heute, verlasse die eingetretenen Wege zu fotografieren, entwickle eine neue Sicht auf das, was Du da tust.

Das heisst in der ersten Aufgabe „Fehler erlaubt, sogar erwünscht“, fotografiere „blind“, schau weder auf Display, noch durch den Sucher, schraube blind an Blende, Belichtungszeit und ISO. Drehe einfach die Knöpfe und „schiesse aus der Hüfte“. – Wie bitte!? Da sträubt sich doch das Nackenhaar! Wir sind doch gewohnt genau zu kontrollieren, was wir mit dem Fotoapparat tun!

Gotthard Schuh, der grosse Meister der Schweizer Fotografie sagte einmal sinngemäss: wir sehen nur, was unserem inneren Wesen entspricht. Also versuchen wir, was wir sehen, gezielt mit der Kamera einzufangen. Gezielt, heisst durch den Sucher und mit der Kenntnis der Einstellungen. – Eben das Gegenteil ist heute gefragt – alles „blind“. Lass dem Zufall Platz. Wir müssen uns enorm überwinden, das durchzuhalten, aber es gelingt! Wenn auch nur eine verhältnismässig geringe Anzahl Fotos „verwertbar“, nicht völlig weiss oder schwarz ist, die wenigen sind hoch interessant, High-Key, Low-Key, unscharf, verwackelt – spannend. Und dem offenen Fotografen-Herzen sind sie vor allem NEU und GUT. Gotthard Schuh im Umkehrschluss – Wir entdecken, dass unser Wesen sich auch in anderen, neuen, nicht geplanten Bildern spiegelt.

Vier Lektionen der „Schule des Sehens“ könnte man nennen, was Fritz uns heute mit seinen Aufgaben vermittelt. Nicht schematische Theorie à la Zurmühle u.a., natürlich wichtig, aber durch Fritz‘ Anleitung und Forderung wird der Erfahrungshorizont „Sehen“ gefördert, die Emotion im Sehen er-lebt.
Blumige Titel, wie „Geduld bringt Rosen“ machen die Aufgaben attraktiv – aber leider nicht einfacher. Suche ein Motiv, erfasse es als Bild in dem etwas geschehen soll und warte geduldig. Vielleicht läuft ein Hund, eine Gruppe Menschen in dein „Bild“. Dann drücke den Auslöser. Herrlich, wenn dann wirklich etwas geschieht! Es löst die innere Spannung, schenkt die Rose, emotional und ein tolles Bild.

Solcherlei Übungen befreien, weil sie uns aus den eingetretenen Pfaden, aus dem Korsett der eigenen Gewohnheiten hinaus zwingen. „Tritt einen Schritt zur Seite“ und es eröffnen sich neue Perspektiven. Das ist das erste Fazit dieses Tages!

Die einhellige Meinung der Teilnehmenden am Ende (Fazit 2): dieser Tag mit experimentellem Fotografieren war grossartig – und, wir sind hochgespannt, was die Besprechung der Fotos von heute am 13. Mai zutage fördern wird!

Manfred Weitz, 30. April 2019